Ricardo Schwarz - Kreativworkshops - Auftragsmalerei & Originalkunst vom Künstler
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Meine Liebeserklärung an Farbkleckse

Warum ein Kreativraum nicht steril sein sollte

Eine Sache, die sich in über zehn Jahren Workshop-Erfahrung für mich bewahrheitet hat:

Es gibt kaum etwas Inspirierenderes als einen Kreativraum, der auch aussieht wie ein Kreativraum.

Cleane Arbeitsräume haben ihren Nutzen.
Und selbstverständlich gehört es dazu, einen Raum respektvoll zu hinterlassen.

Aber die entscheidende Frage ist:

Wie sauber muss ein Raum sein, in dem jemand kreativ arbeiten soll?

Wenn Vorsicht Kreativität bremst

Wenn du mein Atelier betrittst, fallen dir schnell die Farbkleckse auf.

Auf dem Boden.
Auf den Tischabdeckungen.
An Stellen, die ich nicht jedes Mal austausche.

Für mich ist das normal.
Doch für Teilnehmende hat das eine überraschende Wirkung:

Es nimmt die Angst vorm Loslegen.

Warum?

Weil viele von uns von klein auf gelernt haben:

„Pass auf, das Wohnzimmer ist frisch geputzt.“
„Sei vorsichtig, die Tischdecke ist neu.“

„Mach nichts schmutzig.“

Was da entsteht, ist ein inneres Programm: Vorsicht.

Und dieses Programm springt sofort an, wenn wir einen makellos aufgeräumten Seminarraum betreten.

Dann heißt es plötzlich:

„Jetzt sei kreativ.“

Doch Kreativität und Vorsicht vertragen sich selten.

Der unterschätzte Einfluss des Raumes

Wenn wir einen perfekten Raum betreten, entstehen zwei widersprüchliche Impulse:

  • Ich möchte frei arbeiten.

  • Ich darf hier nichts ruinieren.

Das erzeugt subtilen Leistungsdruck.

Ein Raum hingegen, der sichtbar Spuren trägt, kommuniziert etwas anderes:

Hier wurde gearbeitet.
Hier darf experimentiert werden.
Hier ist ein Fleck kein Weltuntergang.

Und genau das verändert die Haltung der Teilnehmenden.


Ein kleines Experiment mit Kindern

Ich habe einmal zwei Arbeitsplätze vorbereitet:

Einen komplett ordentlich, mit frischer Tischabdeckung und sauberem Boden.
Und einen, der so aussah, wie es in meinem Atelier eben aussehen darf.

Die Kinder sollten sich den Platz aussuchen, an dem sie am meisten Lust hatten, kreativ zu werden.

Die meisten entschieden sich für den Platz mit den sichtbaren Farbspuren.

Nicht, weil sie Chaos wollten.
Sondern weil dieser Platz weniger Druck ausstrahlte.


Kreativräume brauchen keine Perfektion

Wenn ich sage, ein Kreativraum muss nicht clean sein,
meine ich nicht Unordnung.

Es geht um eine aufgeräumte Kreativ-Atmosphäre.

Struktur ja.
Sterilität nein.

Als Workshopleiter gestalten wir nicht nur Inhalte.
Wir gestalten Rahmenbedingungen.

Und manchmal beginnt weniger Leistungsdruck nicht bei der Didaktik –
sondern bei der Tischabdeckung.

Eine Frage an dich

Wenn du Workshops leitest:

Was sagt dein Raum, bevor du überhaupt sprichst?

Sagt er: „Pass auf“?
Oder sagt er: „Probier dich aus“?

Diese Fragen beschäftigen mich seit vielen Jahren –
und sie sind auch Teil meines Buches How to Workshop, in dem es darum geht, Workshops aus Teilnehmersicht zu denken und kreative Räume bewusst zu gestalten.

👉 Mehr dazu findest du hier:
/workshop-leiten-buch