Manchmal beginnt die spannendste Reise direkt vor der eigenen Haustür
Eigentlich sollte ich in der vergangenen Woche Schülerinnen und Schülern zeigen, wie man mit einem Skizzenbuch eine Stadt entdeckt. Rückblickend habe ich dabei aber selbst mindestens genauso viel gelernt.
Im Rahmen einer Projektwoche durfte ich gemeinsam mit einer Radebeuler Oberschule das dreitägige Projekt „Sketch your City“ begleiten. Mit 16 Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 8 wollten wir unsere Umgebung nicht einfach nur anschauen, sondern bewusst wahrnehmen – mit Stift, Papier und offenen Augen.
Los ging es mit etwas ganz Persönlichem: Jeder bekam sein eigenes Skizzenbuch. Bevor die ersten Zeichnungen entstanden, wurden die Bücher im Street-Art-Stil gestaltet – mit Graffiti-Schriftzügen, Comic-Elementen und ganz viel Persönlichkeit. Erst danach gehörte jedes Skizzenbuch wirklich seinem Besitzer.
Anschließend ging es hinaus ans Dresdner Elbufer. Bei hochsommerlichen 36 Grad entstanden die ersten Skizzen – manchmal mit etwas Schweiß auf dem Papier, aber immer mit viel Neugier. Schnell wurde deutlich: Urban Sketching bedeutet nicht, perfekte Zeichnungen anzufertigen. Es geht darum, einen Moment festzuhalten und die Welt etwas bewusster wahrzunehmen.
Für den zweiten Tag durften die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, ob wir erneut nach Dresden fahren oder lieber in Radebeul zeichnen. Die Abstimmung fiel auf Altkötzschenbroda. Zwischen historischen Fassaden, kleinen Details und schattigen Plätzen entstanden weitere Skizzen, bis uns die Hitze schließlich ins Klassenzimmer vertrieb.
Der dritte Tag führte die Gruppe schließlich in mein Atelier. Die Arbeitsplätze waren vorbereitet – Staffeleien, Malpappen, Acrylfarben. Genau so, wie ich es auch für meine Erwachsenen-Workshops mache. Viele der Schülerinnen und Schüler betraten zum ersten Mal überhaupt ein Künstleratelier. Allein diese Atmosphäre hat das Arbeiten verändert. Plötzlich fühlte sich Kunst nicht mehr wie Unterricht an, sondern wie etwas, das man einfach macht.
Aus einer ausgewählten Skizze entstand schließlich ein fertiges Acrylbild. Und ehrlich gesagt: Ich war beeindruckt, welche Ergebnisse nach nur drei Tagen entstanden sind. Jedes Bild hatte seine eigene Handschrift und erzählte seine eigene kleine Geschichte.
Mindestens genauso spannend war für mich allerdings das, was dieses Projekt bei mir ausgelöst hat.
Ich zeichne selbst erstaunlich selten unterwegs in einem Skizzenbuch. Dabei habe ich in diesen drei Tagen gemerkt, wie entschleunigend und inspirierend es sein kann, sich einfach, unterwegs irgendwo hinzusetzen und einen Ort zeichnerisch zu erkunden. Ich glaube, das werde ich künftig wieder öfter machen.
Noch wichtiger war aber eine andere Erkenntnis. Mehrtägige Projekte habe ich bisher meist abgelehnt. Nicht, weil ich keine Lust darauf hatte, sondern weil ich unsicher war, ob ich über mehrere Tage hinweg genügend Inhalte bieten könnte. Diesmal habe ich mich trotzdem darauf eingelassen – auch, weil ich durch meine tägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wusste, dass ich mich auf vertrautem Terrain bewege.
Heute kann ich sagen: Diese Entscheidung war genau richtig.
Nicht nur wegen der vielen gelungenen Arbeiten oder des positiven Feedbacks der Lehrkräfte. Sondern weil ich gemerkt habe, dass kreatives Arbeiten Zeit braucht. Manche Ideen entwickeln sich eben nicht innerhalb von zwei Stunden. Sie wachsen Schritt für Schritt – genau wie das Selbstvertrauen, mit dem viele der Schülerinnen und Schüler ihr fertiges Bild am Ende in den Händen hielten.
Vielleicht war dieses Projekt deshalb nicht nur für die Jugendlichen eine kreative Reise, sondern auch für mich. Und wer weiß – vielleicht war es erst der Anfang weiterer mehrtägiger Projekte.