Das Sonnenrätsel: Warum malen Kinder die Sonne oben rechts ins Bild?
Stell dir vor, du blätterst durch einen Stapel Kinderzeichnungen. Was fällt dir immer wieder auf? Richtig: die Sonne. Und zwar erstaunlich oft oben rechts im Bild.
Als jemand, der fast täglich mit Kindern arbeitet, hat mich diese scheinbar einfache Beobachtung schon immer fasziniert. Warum gerade dort? Warum nicht links, mittig oder irgendwo am Horizont?
Lass uns gemeinsam auf Spurensuche gehen.
Die kindliche Wahrnehmung der Welt
Kinder sehen die Welt mit ganz anderen Augen als Erwachsene.
Während wir die Sonne als Himmelskörper verstehen, erleben kleine Kinder zunächst vor allem ihre Wirkung: Licht, Wärme und Helligkeit. Vielleicht erinnern sie sich an einen hellen Lichtschein am Rand des Kinderwagens oder an das warme Gefühl eines sonnigen Tages auf der Haut.
Der Himmel erscheint Kindern riesig und grenzenlos. Die Sonne wird dabei schnell zu einem Symbol für Wärme, Geborgenheit und Freude. Deshalb taucht sie in vielen Kinderzeichnungen schon sehr früh auf.
Warum malen Kinder überhaupt eine Sonne?
Wenn Kinder beginnen zu zeichnen, arbeiten sie zunächst mit einfachen Symbolen.
Ein Haus besteht aus einem Quadrat und einem Dreieck. Ein Mensch wird zum Strichmännchen. Und die Sonne? Die ist ein Kreis mit ein paar Strahlen.
Diese vereinfachten Formen helfen Kindern dabei, ihre Umwelt verständlich darzustellen. Die Sonne gehört zu den ersten Bildelementen, die viele Kinder immer wieder verwenden.
Warum landet die Sonne so oft oben rechts?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Dennoch gibt es einige spannende Erklärungsansätze.
Die Rechtshänder-Theorie
Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Beginnt ein Kind zu zeichnen, bewegt sich die Hand oft ganz natürlich in bestimmte Bereiche des Blattes.
Interessanterweise berichten manche beidhändig arbeitenden Kinder, dass die Sonne mal rechts und mal links erscheint. Das könnte darauf hindeuten, dass unsere bevorzugte Hand tatsächlich einen Einfluss auf die Bildgestaltung hat.
Natürlich ist das keine wissenschaftlich bewiesene Erklärung, aber eine spannende Beobachtung.
Gelernt oder selbst entdeckt?
Spannend ist auch die Frage, ob Kinder dieses Bildschema selbst entwickeln oder ob sie es von anderen übernehmen.
Kinder sehen Bilderbücher, Ausmalbilder, Zeichnungen anderer Kinder und natürlich auch die Werke von Erwachsenen. Dadurch entstehen typische Bildmuster, die sich über Generationen hinweg wiederholen.
Vielleicht malen Kinder die Sonne also nicht nur aufgrund ihrer Wahrnehmung dort hin, sondern auch, weil sie diese Darstellung unzählige Male gesehen haben.
Was Kinderzeichnungen über ihre Wahrnehmung verraten
Kinderzeichnungen sind weit mehr als einfache Kritzeleien.
Wer Kinder beim Malen regelmäßig begleitet, merkt schnell, wie unterschiedlich sie ihre Welt darstellen. In meinen Kinder-Malkursen beobachte ich genau solche Muster immer wieder — ohne sie als richtig oder falsch zu bewerten.
Sie zeigen, wie Kinder ihre Umwelt wahrnehmen, welche Dinge ihnen wichtig sind und wie sie versuchen, die Welt zu ordnen. Die Sonne ist dabei oft weit mehr als nur ein Himmelskörper. Sie steht für Licht, Wärme, Sicherheit und gute Gefühle.
Kinderzeichnungen sind oft weniger ‚Abbild der Realität‘ als Ausdruck von Aufmerksamkeit, Gefühl und Erinnerung. Das hängt eng mit dem zusammen, was man allgemein als kreativen Prozess beschreiben kann
Genau deshalb begegnet sie uns in Kinderbildern immer wieder.
Ein kleines Rätsel bleibt
Warum Kinder die Sonne so häufig oben rechts malen, lässt sich wahrscheinlich nie mit einer einzigen Erklärung beantworten.
Vielleicht ist es die bevorzugte Hand. Vielleicht die einfache Bildgestaltung. Vielleicht ein gelerntes Muster. Vermutlich ist es eine Mischung aus allem.
Gerade das macht Kinderzeichnungen so spannend. Jedes Bild erzählt eine kleine Geschichte über die Sicht seines jungen Künstlers auf die Welt.
Hast du ähnliche Beobachtungen gemacht? Dann teile sie gerne in den Kommentaren. Vielleicht findest du noch eine ganz andere Erklärung für dieses kleine Sonnenrätsel.
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